Dritter Spieleabend

Weiß. Nichts als weiß . In dem eisigen Schneegestöber, den klirrenden Flocken erkannte man nichts. Vielleicht Schatten in der Ferne, wenn man die Augen zusammenkniff. Vielleicht eine Gebirgskette. Ein schwaches Glimmen. Ein prasselndes, knackendes, mit dem Frost ringendes Feuer. Immer wieder gelang es ihm Schneeflocken zu zerbersten, immer wieder musste es sich auch geschlagen geben. Ein prächtiger großer Varg, eingehüllt in dicke Felle, reckte die Hände dem wärmenden Feuer entgegen. Im Schein des Feuers huschte sein Blick immer wieder in das Weite. In das weiße, ewige Nichts. Um ihn herum standen einige Zelte. Eine fuchsähnliche, weibliche Gestalt trat mit knirschenden Schritten aus einem Zelt an das Feuer. Mit leiser Stimme, vorsichtig, fast ängstlich wendete sie sich mit einer zarten Berührung an den Varg: „Du wirkst unruhig… Kommen Sie?“. Stille. Schneeflocken landeten auf ihrem Fell. Er erwiderte ihre Geste, indem er sanft durch ihr Haar strich und einige Schnee wegstrich. „Wir sind die letzten unseres Volkes. Wir haben die Aufgabe unseren Stamm, unser Volk… oder nur uns selbst zu retten. Sprich nicht mit den Anderen über die Gefahr. Sie….“ Er erstarrte. Von weitem schien das schattenhafte Gebirge zu schwanken. Nein. Es kam näher. ..

Zeltabdrücke und unzählige Fussabdrücke im Schnee. Glimmende Asche. Hastig zurückgelassene Stäbe, Säcke, sogar ein Zelt. Dunkle Schatten. Ein Zischen. „Sie sind uns entwischt. Aber schon bald werden wir sie kriegen. Der Norden ist gefallen“.

Logbucheintrag von Hassem dem zuvorkommenden (Dritter Spieleabend)

Es ist wieder passiert. Zumindest fing der Tag damit an. Als ich aufwachte, lag ich in einer Zelle, mit Schrammen am ganzen Körper und Rissen in meiner ganzen Kleidung. Die Zelle war in eine riesige Höhle eingebaut, und scheinbar eine von mehreren. außerhalb schien eine ganze Kompanie schwer auszumachender Gestalten, die Schmiedeten und generell ein ganzes Lager unterhielten. In der Zelle lagen eine relativ große Leiche, und ein sehr lebendiges und leider auch sehr aufbrausendes Gemüt. 
Er ist vermutlich sehr gewalttätig, denn als die unnatürlich große Wache die Zellentür aufmachte, um uns mit seiner Waffe und seiner Statur einzuschüchtern, griff ihn mein Mithäftling an. Unbewaffnet. Und machte mir dann Vorwürfe, weil ich nicht den gleichen Mangel an Selbstkontrolle hatte, der mich davon überzeugen würde, es wäre eine gute Idee, mit einer Überzahl an bewaffneten Gestalten allein, ohne Schmerzen und ohne Waffe einen möglichen Konflikt zu eskalieren.
Wie letztes Mal, weiß ich nicht, wo meine ganzen Waren, oder Helinde sich befinden. Ich weiß eigentlich nicht einmal wo ich bin. Deswegen liegen den folgenden Einträgen vermutlich keine Abschreibungen oder dergleichen bei.
Die Wache, die nachdem sie mehrere Stacheln in den Rücken meines Mithäftlings rammte – eine „Strafe“ für seinen kleinen Zwischenfall – verließ uns danach, und blieb nur noch in Hörweite, um uns mit dem Befehl zu „flüstern“ anzuschreien. Etwas ironisch, aber was weiß ich denn?
Der Mann, der sich gerne als ‚der Blitz‘ bezeichnet, versuchte zwischendrin eine kleine Kreatur mit einer sehr nervigen, schrillen Stimme, die den Namen „Amon“ trägt, und scheinbar ein Diener der Wache ist, mit einer Halskette zu bestechen, die er an der Leiche in der Zelle gefunden hat. Obwohl es offensichtlich scheint, dass die Kreatur keine Ahnung hat, wie sie sie zu Geld machen oder zumindest ihren Wert einschätzen könnte, wurde allerdings trotzdem über jeglichen Sinn hinweg von dieser Kette angezogen. Ich sollte mir seine Anfälligkeit auf die Verlockung von Glänzigem merken. Das könnte nützlich sein.
Glücklicherweise, oder eher unglücklicherweise, kam nach einer Weile eine Gnomin zur Zelle, und half uns unter großen Turbulenzen, zu entkommen. Sie hat uns einerseits befreit, andererseits hatte sie eine Gruppe von mindestens vier Wolfsmenschen im Schlepptau, die, sobald sie zu uns stieß, nicht nur sie verfolgten, sondern auch uns. Verfolgten insofern, dass sie hinter uns her waren und mit Bögen auf uns schossen, und später auch mehrmals trafen.
Mit etwas Glück schafften alle vier von uns es in ein Paddelboot, und konnten über das Wasser fliehen. Wir mussten um unser Leben paddeln, während jeder von uns mehrere Pfeile im Körper hatte, und „Varin“ immer noch die Verletzungen von den Stacheln hatte. Und das alles einen Wasserfall herab. Wir waren bereits in einer Höhle unter dem Erdboden, und von hier aus gab es einen Fluss und einen Wasserfall nach unten. Wir überstanden ihn, aber die Verfolger der Gnomin ließen sich durch einen Wasserfall genauso wenig beirren.
Die kleine Kreatur versuchte später, die Halskette an sich zu reißen. Das eine, das sie bis dahin daran behinderte, uns bei erster Gelegenheit zu verraten. Wenn wir als eine Gruppe vorhaben, zuzulassen dass diese Kreatur an einem späterem Zeitpunkt einen Vorteil daraus ziehen wird, uns in den Rücken zu fallen, müssen wir sie entweder loswerden, oder ein neues Schmuckobjekt finden, das die Kreatur unbedingt haben will.
© 1999 Anke Eissmann "The stairs of Cirith Ungol" http://anke.edoras-art.de
© 1999 Anke Eissmann „The stairs of Cirith Ungol“ http://anke.edoras-art.de
Als sie das tat, fielen sie und Varin ins Wasser, worauf sich herausstellte, dass zusätzlich zu den Verfolgern, die kurz später langsam in Sichtweite kamen, sich im Wasser leuchtende Kreaturen befanden, die jeden versuchen zu ertränken, der ins Wasser fällt. Ich konnte Varin herausziehen, und Amon klammerte sich an ihn.
Ein kurzes Streckenstück später folgte noch ein weiterer Wasserfall, und diesmal so hoch, dass unsere Verfolger an diesem Punkt uns nicht folgten. In Sicherheit brachte uns das allerdings überhaupt nicht. Kurz nachdem wir uns vom Strom in einem stillen Gewässer entfernten, bestand Amon darauf, wir seien in der Nähe seines Wohnortes. Vor uns befand sich eine riesige Zwergenstatue, die sich bewegte und drei Rätsel stellte, die alle darauf zu basieren schienen, dass man  kein Wissen heranzieht, sondern schlicht umdenkt.
Dank ein paar unerwarteten Epiphanien vonseiten Varins, wurden die Rätsel gelöst und die Statue hieß uns wilkommen in der „Versunkenen Stadt“. Die Stadt stellte sich allerdings als weder versunken, noch als Stadt heraus. Das Gewässer zog sich durch die Stadt, aber sie war verlassen und über und über mit Gestrüpp und Spinnweben bedeckt. Dicken Spinnweben. Riesigen Spinnweben. So dick, dass einzelne Fäden, die ins Wasser hinein hingen, das Boot anhielten. Varin konnte die Fäden mit einem Schwert durchtrennen, das die Gnomin mitgebracht hatte, und die Gnomin schaffte es letztendlich, ihre Magie einzusetzen, um die Fäden und damit das gesamte Netz einer riesigen an der Decke der Stadt hängenden Spinne in Flammen zu setzen. Ich schrie auf, wurde darauf allerdings bewusstlos geschlagen, bis ich in einem im Sonnenlicht befindlichen Gewässer unterhalb eines hohen Plateaus aufwachte.
Unser Boot wurde von zwei Wargen am Strand empfangen. Sie waren Hirten, der eine ein Mann, der andere eine Frau, und führten uns zu ihrem Lager, wo sich einige von uns verarzten konnten. Allerdings nicht alle von uns. Hier fand ich auch die Seiten auf denen ich dies hier schreibe, wobei es nur ein paar lose Blätter sind. Ich werde sie allerdings den neuen Logbüchern, oder falls ich meine Besitztümer wiederfinde, meinen alten Logbüchern beifügen beziehungsweise sie schriftlich übertragen.
Es ertönte bereits nach kurzer Zeit in der Ferne ein Horn, es scheint von einer mehrere Dutzend umfassende Gruppe von Reitern zu kommen, die die Farben grün und schwarz tragen, aber kein Wappen.
Inzwischen, aus Mangel an Handlungsalternativen, habe ich mich in Tücher gehüllt um mein Äußeres zu verbergen und nach draußen gesetzt. Die Reiter scheinen den männlichen Hirten angegriffen und getötet zu haben, und der weibliche greift sie in diesem Moment an. Meiner Hoffnung entgegen, hat sich Varin einfach in den Kampf gestürzt. Er wäre nützlich gewesen, um festzustellen, ob diese Reiter es auf uns abgesehen haben, oder nur auf die Hirten, hätte er einfach abgewartet was passiert, wenn die Reiter mit den Wargen fertig sind, aber dank seiner zügellosen Hingabe werden wir das jetzt nicht mehr erfahren.
 –
Lautes Lachen. Geigenspiel. Gerüche von Hammel, Bier und Feuer. Kaa saß vor einem Kamin inmitten der Wirtsstube. Gerade wollte er eine Seite des Werkes von Huan de Mon umblättern, als er… Er wandte sich um. Vor ihm stand eine schwarze Gestalt. Unter dem nassen Umhang waren nur dunkle Gesichtszüge zu erahnen. „Wir konnten sie nicht bei uns behalten, bis der Sturm vorüber ist. Sie sind geflohen“. Kaa fiel das Buch zu Boden. Sofort setzte es sich in der Nähe des Kamins in Brand. Gäste sprangen auf. Kaa flüsterte kaum vernehmbar: „Jetzt sind sie in Gefahr. Ich konnte sie nicht beschützen“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.